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Gern gefragt - Die Panikattacke

03.03.10 | von Christian Breuer [mail] | Kategorien: Diagnose, Behandlung, Vorgeschichte und Erfahrungen, Rückschläge, Gern gefragt

Immer wieder bekomme ich eine Reihe von Fragen zu hören, woher die Panik kommt, wie sie sich äußert - und warum ich überhaupt Angst vorm (Zahn-)Arzt habe. Hier versuche ich, einige dieser Fragen zu beantworten.

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Warum hast Du denn Angst vorm Zahnarzt?
Gute Frage - Wie und wann sich die Angst vor Spritzen und vor "Weißkitteln", zu denen mithin auch Zahnärzte zählen, entwickelt hat, kann ich nicht klar eingrenzen. Es gab ein paar nicht wirklich schöne Erlebnisse, als ich noch klein war, und die scheinen sich doch tiefer festgesetzt zu haben, als mir heute lieb sein kann. Während der Schulzeit hat sich die Angst dann soweit aufgeschaukelt, dass ich regelmäßig Nerven- und Kreislaufzusammenbrüche beim Arzt hatte. Das beschränkt sich nicht nur auf den Zahnarzt und hält bis heute an. Wenngleich ich dank einer "Schnell-Therapie" im Zusammenhang mit einer psychologischen Studie während des Studiums zumindest die allergrößte Panik beim Zahnarzt in den Griff bekommen habe.

Ich gehe auch nicht gerne zum Zahnarzt - aber so schlimm ist es doch nicht, und es tut doch auch fast nicht weh!
Eine Phobie ist nicht mit dem allgemeinen Unwohlsein zu vergleichen, sie sitzt so tief im Unterbewusstsein, dass sie kaum bewusst zu kontrollieren ist. Logische Erklärungen - dass die Betäubung den Schmerz ausschaltet zum Beispiel - werden in der akuten Angstattacke komplett ausgeblendet. Wenn die Panik erstmal da ist, kann sie kaum mehr gebremst werden, die Gedanken rattern, das Kopfkino wird eingeschaltet und man sitzt zunächst im Teufelskreis. Solche Attacken können auch durch bloße Erzählungen ausgelöst werden - wofür einigen Leuten das Verständnis fehlt. Daher klinke ich mich ab und an aus Gesprächen aus und verlasse den Tisch, wenn ich merke, dass eine Panikattacke bevorsteht. Das ist dann keine Unhöflichkeit, sondern Selbstschutz.

Aber Du bist doch schon erwachsen (32 Jahre alt) und soooo groß (1,96 Meter) - da kann Dich doch so ein kleiner Pieks nicht umhauen!
Doch, kann er!

Und wie äußert sich das?
Die Panikattacke verläuft mehr oder minder nach festen Mustern bei mir. Es geht los mit Nervosität und Unwohlsein, diesen Status erkenne ich daran, dass ich z.B. nervös mit einem Bein wackel - so auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe. Hinzu kommen Ruhelosigkeit und Schlafprobleme, je näher ein Behandlungstermin rückt. In der Arztpraxis steigert sich das Unwohlsein in ein reales Angstgefühl. Die Hände werden kalt, manchmal bricht kalter Schweiß aus, die Wahrnehmungen der Außenwelt wird eingeschränkt. Gespräche mit anderen Patienten oder der Sprechstundenhilfe sind dann nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Ich bin, schon durch meinen Beruf, ein kommunikativer Mensch. Bei einer beginnenden Panikattacke ist eine solche Kommunikation nicht mehr möglich. Wenn ich nicht spätestens jetzt Entspannungstechniken einsetze, dann ist die Attacke kaum mehr zu bremsen. Die letzte Phase beginnt mit schnell wechselndem Temperaturempfinden ("heiß/kalt") und den typischen Zeichen einer beginnenden Ohnmacht: eingeschränktes, verschwommenes Gesichtsfeld, Verlust des Farbsehens, Ohrenrauschen und schließlich der Kreislaufkollaps.

Kippst Du jedes Mal beim Arzt um?
Zum Glück nicht! Wie schon erwähnt habe ich einige Entspannungstechniken gelernt, wenn ich mich lange genug auf eine Situation einstellen kann, schaffe ich es meistens, nicht in die letzte Phase zu kommen. Unerwartete Situationen und Diagnosen können allerdings dafür sorgen, dass die Vorbereitung nichts bringt. Manchmal erkenne ich die Anzeichen rechtzeitig und kann mich entsprechend hinlegen und so einer Ohnmacht vorbeugen. Allerdings ist es auch schon vorgekommen, dass ich versucht habe, die Symptome zu überspielen ("Ist schon nicht so schlimm") und ich mich dann auf dem Boden liegend wiederfinde.

Welche Entspannungstechnik hast Du?
Bei der "Schnell-Therapie" habe ich gelernt, auf meine Atmung zu achten. Die richtige, tiefe Bauchatmung sorgt für eine gewisse Entspannung. Früher habe ich oft den Fehler gemacht, in die Brust zu atmen und dabei immer schneller zu werden - was zum Hyperventilieren führt. Dabei nimmt der Körper zu viel Sauerstoff auf, erst kribbeln die Lippen, dann auch Arme und Beine, wodurch sich die Panik weiter verstärkt. Mit sehr ruhiger, meditativer Musik kann man versuchen, seinen Atemrhythmus zu kontrollieren. Es kann auch hilfreich sein, insbesondere im Wartezimmer, bewusst alle Muskeln fest anzuspannen und dann wieder zu lockern. Diese Techniken erfordern allerdings Übung und geht nicht auf Kommando. Und leider funktioniert es auch nicht immer.

Wie wirkt sich die Panik auf die Behandlung aus?
im Zahnarztstuhl ist das weder für mich noch für Arzt und Sprechstundenhilfe sonderlich lustig. Bei mir äußert sich die Angst dadurch, dass ich - auch ohne es zu wollen - ständig meine Beine bewege und meine Arme nur dadurch ruhig halten kann, dass ich sie verschränke und mit einer Hand den anderen Arm festhalte. Immerhin habe ich gelernt, diese Bewwgungen so weit zu kontrollieren, dass sie eine Behandlung nicht unmöglich machen und ich nicht den Arzt oder die Helfer berühre. Gerade beim Zahnarzt verkrampft sich beim Setzen der Spritze oft die Muskulatur im Mundraum, wodurch die Spritze schmerzhafter ist als eigentlich notwendig.

Wie gehen die Ärzte damit um?
Das ist ein echtes Problem: Viele Ärzte nehmen es nicht ernst, wenn man sie auf die Phobie hinweist und tuen den Hinweis mit dem Satz "Wir kennen Angstpatienten" ab. Die Erfahrung hat mir leider gezeigt, dass dem nicht so ist. Daher muss ich dem Arzt vorher klar machen, was mit mir geschehen wird, wie ich reagiere und dass er nicht die Behandlung abbrechen soll, außer bei einem vorher zu vereinbarenden Zeichen. Wenn sich der Arzt darauf nicht einlassen will, ist er der Falsche!

Kannst Du die Angst nicht behandeln lassen?
Ich war bei einem Neurologen, der mir recht klar gesagt hat, dass dort wenig Aussicht auf Erfolg bestehe - weil "Erfolgserlebnisse" fehlen. Zur Erklärung: Wenn jemand unter Höhenangst leidet oder an der Angst vor Spinnen, dann kann sich diese Person nach erfolgter Therapie relativ leicht diesen Situationen wieder aussetzen und merken, dass er sie gemeistert hat. Das sorgt für Erfolgserlebnisse, die das Gehirn abspeichert und sich für die nächste Situation merkt. Allerdings ist es kaum möglich, regelmäßig zum Arzt zu gehen, um sich eine Spritze geben zu lassen oder die Zähne behandeln zu lassen. Fehlen solche Erfolgserlebnisse hingegen ist ein langfristiger Therapie-Erfolg kaum zu erreichen.

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Ich habe panische Angst vor Ärzten und Spritzen - obschon ich regelmäßig zum Zahnarzt gegangen bin, ist nun eine Grundsanierung fällig. Mit allem drum und dran. In diesem Blog berichte ich über meine Erlebnisse.

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